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Interview mit Lucas Zuppinger (von Barblin Wirz)

Barblin Wirz: Wie kam es dazu, dass du Lehrer wurdest?

Lucas Zuppinger: Meine Mutter war bereits Sekundarlehrerin. Ihre Tätigkeit hat sie immer sehr bereichert und erfüllt. Somit hatte ich immer bereits ein positives Lehrerbild. Als Teenager wurde ich dann bald Leiter einer Jugendgruppe und habe gespürt, dass es mir Spass macht, Wissen zu vermitteln und eine Gruppe zu führen. Natürlich hege ich schon immer den tiefen Wunsch, die Welt mitzugestalten und zu verändern.

Nach 10 Jahren als Klassenlehrer auf der Sekundarschule habe ich mich entschieden zu kündigen und mich weiter zu bilden, da ich mich durch die relativ starre Struktur beengt und frustriert fühlte. Deshalb meine Ausbildungen zum Montessoripädagogen und Lerncoach. Ich habe klarere Vorstellungen von wertvollem Unterricht und bin deshalb vor allem selbstständig tätig.

B.W: Woher kommt dein Interesse für Mathematik?

L.Z: Das hatte ich bereits als kleines Kind. Während meine Mutter mir Märchen vorgelesen hat, haben mich die Seitenzahlen mehr interessiert als die Geschichten. Als Fünfjähriger fand ich es in den Ferien in Mallorca am spannendsten im Hotelladen die Preise von Peseten in Franken umzurechnen, indem ich jeweils durch 300 dividierte und mein Vater dies dann überprüfte. Jegliche Gesellschaftsspiele mit mathematischem Hintergrund machten mir schon immer sehr viel Spass.

Ich bin mathematisch sicherlich hochbegabt und erkenne in der Natur, Technik, Musik und im gesamten Leben dauernd mathematische Muster und Zusammenhänge.

B.W: Beschreibe die Grundlagen, Tools und Vorteile der Montessori- Pädagogik

L.Z: Maria Montessori geht von Menschen aus, die Lust haben zu lernen. Eine gestaltete Umgebung soll sie dazu einladen selber tätig zu werden und eigene Strukturen und Muster zu bilden. Die Klassen sind altersdurchmischt. Jeder lernt von jedem. Trotz der freien Auswahl der Lerninhalte, gelten klare Regeln und Grenzen, die von den Lehrpersonen eingefordert werden müssen. Alle Materialien werden immer nach dem Gebrauch ordentlich verräumt. Kinder, die laut sein und sich austoben möchten, dürfen dies nur im Garten oder in Bewegungsräumen.

Durch Handlung und durch Einbezug von mehreren Sinnen, ist Lernen für die Kinder attraktiv und lebensnah.

B.W: Wie entspricht die Wirksamkeit der Montessori-Pädagogik den Erkenntnissen aus der Hirnforschung? Was weiss man?

L.Z: Ich möchte dazu Gerald Hüther zitieren: „Das kindliche Gehirn fängt schon im Mutterleib an zu lernen und jedes Mal, wenn das Kind eine Herausforderung bewältigt hat, wird im Hirn das Belohnungszentrum aktiv und schüttet Dopamin (ein Hormon, das Glücksgefühle auslöst) aus.“ Montessori hat dies vor über 100 Jahren intuitiv erkannt und ihre Pädagogik danach ausgerichtet.

B.W: Kann jeder rechnen? Woher stammen die Stärken und Schwächen bei den Schülern?

L.Z: Jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung und völlig unterschiedliche Stärken und Schwächen. Sogar Geschwister, die eine ähnliche DNA haben und im gleichen Umfeld aufwachsen. Schon zweijährige Kinder verfügen laut den Ergebnissen der Hirnforschung über dieselbe Anzahl von Nervenverbindungen wie Erwachsene. Solange Kinder spielen dürfen, können sie sich optimal entwickeln und werden so ihre Stärken entfalten. Frühförderung und Druck wirken sich negativ auf das Lernen aus. Aus meiner eigenen Biografie weiss ich, dass ich als Kind grossen Spass an Musik und am Lesen hatte. Ich konnte stundenlang am Klavier experimentieren und habe in der Primarschule schon viele „Wälzer“ von Karl May gelesen. Verordneter Klavierunterricht und der Zwang, langweilige Texte für die Schule zu lesen, haben mir die Freude genommen, und es war ein langwieriger Prozess, diese Blockade bei mir zu erkennen und wieder Freude zu spüren beim Musizieren und Lesen. Um deine Frage zu beantworten: Nicht jeder hat die gleichen Stärken, doch in erster Linie liegen sehr viele Ressourcen brach, weil der Mensch sie nach einer negativen Emotion, die nicht verarbeitet ist, nicht mehr zu aktivieren weiss.

B.W: Was sind die Aufgabenstellungen und Ziele deines Coachings?

L.Z: Meine Lernenden sollen erkennen, dass sie es selber in der Hand haben, ihre Ziele zu erreichen. Sie lernen ihr eigenes Verhalten und Empfinden zu reflektieren. Zum einen sprechen wir also über Gefühle und Erfahrungen. Auf der anderen Seite zeige ich Strategien und entwickeln wir Methoden, die dem Lernenden helfen, sich selber zu strukturieren und Verantwortung für sein Lernen zu übernehmen.

B.W: Was für Tendenzen zeichnen sich ab? Klientel, Schwierigkeiten und Häufungen?

L.Z: Mein Lernstudio ist in Altnau. Somit habe ich einige Kunden aus dem Dorf und aus der direkten Umgebung. Durch „Mund-zu-Mund-Propaganda“ nehmen einige auch einen Weg von bis zu 30 Minuten auf sich, um zu mir zu kommen. Ich habe Schüler der Mittelstufe, Oberstufe sowie Lehrlinge und Gymnasiasten bei mir.

Am einfachsten sind Schüler mit klaren Vorstellungen, die sich bei mir noch das holen, was ihnen fehlt. Am schwierigsten finde ich es, Schüler zu begleiten, die in der Schule permanent überfordert sind und somit keine Zeit bleibt, um sich wirklich auf mein Coaching einzulassen. Druck und Stress sind für Primaschüler bereits Alltag. In meinem kurzen Setting von ca. 1 Stunde pro Woche bin ich dagegen beinahe hilflos. Den einzigen Ausweg sehe ich darin, das Kind für ein mathematisches Spiel zu begeistern. Doch gerade überforderte Kinder klammern sich im Schulalltag an Formeln und Algorithmen, weil sie Angst vor schlechten Noten haben. Es ist dann meine Aufgabe, sie dahin zu begleiten, wo sie Mathematik begreifen können, um damit die antrainierten Ängste wieder loslassen zu können.

B.W: Was ist dein Weltbild des Lernens? Was sind deine Leitmotive?

L.Z: Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch lernen möchte. Dieser Lernwille ist aber sehr fragil. Mit unattraktiven und sinnleeren Angeboten würde ich die Schüler frustrieren. Mein Leitmotiv ist jeweils die Ressourcen der Schüler zu wecken und sie gleichzeitig zu begleiten, um innere Strukturen zu entwickeln.

B.W: Was ist deine Kritik an der Staatsschule?

Ich mag die Staatsschule nicht pauschal kritisieren, denn da gibt es sehr viele Lehrer, die sich jeden Tag engagieren.

Die Schule sollte selbstbewusster auftreten und in erster Linie für den Menschen und unseren Planeten einstehen. Wir wollen Jugendliche, die Verantwortung übernehmen können für sich selber und ihr Umfeld. Wir wollen Jugendliche, die selbstbewusst sind und ihre eigenen Ressourcen erleben dürfen. Wir wollen Jugendliche, die Konflike lösen können. Das Bewusstsein unserer Jugendlichen ist die einzige Möglichkeit, dass sich unsere Welt in einen respektvolleren und liebevolleren Ort verwandeln kann, wo Angst und Geldgier und ihre verheerenden Folgen weniger Platz haben.

Konkret lassen sich meine Wünsche an Schulen so zusammenfassen:

Mehr Bezug zum Alltag / Mehr soziales Lernen, Konfliktlösungen / Mehr Kontakt mit Eltern, Fachleuten, Berufsleuten / Mehr Begeisterung und Erlebnisse / Mehr Vertrauen in die Kinder / Mehr Vorbereitung auf „Umgang mit Geld“, Politik / Mehr Psychologie / Mehr Erkennen von Zusammenhängen

Weniger Abhängigkeit von der Wirtschaft / Weniger Auswendiglernen / Weniger Angst vor Fehlern

B.W: Wie sieht bei dir generell der Aufbau eines Coachings aus?

L.Z: Das ist sehr unterschiedlich, da ich eine grosse Bandbreite von Kunden habe. Der 11-jährige Primarschüler mit Mühe in Mathematik darf bei mir vor allem mit Montessorimaterial handeln. Wir sprechen nicht viel, denn er soll vor allem endlich erfahren und begreifen dürfen.

Mit der 15-jährigen Sekundarschülerin, die an die Kanti wechseln möchte, ist meine Arbeit komplett anders. Wir testen ihren aktuellen Lernstand. Wir teilen die verbleibende Zeit bis zur Prüfung ein. Wir planen, welche Themen sie selbständig lernen kann. Wir planen, welche Themen wir mit Montessorimaterial zusammen angehen, weil ihr das Verständnis noch fehlt. Ihre Methoden werden überprüft. Jedes weitere Coaching hat dann auch immer 3 Teile:
1.Feedback: Wurden die vereinbarten Ziele seit dem letzten Coaching erreicht. Falls nein, warum nicht. Analyse der Strategie. Bleiben zum Lerninhalt noch Fragen offen?
2. Auseinandersetzung mit dem unverstandenen Lernstoff über Montessorimaterial, selber entwickeltem Material oder andere Möglichkeiten. Neue Arbeits- und Lernstrategien werden gezeigt und ausprobiert.
3. Planung bis zum nächsten Coaching: Ist die anfangs erarbeitet Planung noch aktuell, oder müssen wir sie überarbeiten? Heute erarbeiteter Lernstoff soll repetiert werden. Zu welcher Tageszeit und an welchem Ort kann die Schülerin am besten selbststädig arbeiten?

B.W: Wie liesse sich das Montessorimaterial an der Staatsschule integrieren?

L.Z: Zum einen eignen sich gewisse Materialien für Einführungen von neuen Themen. Die Kinder müssen jedoch die Möglichkeit kriegen, selber mit dem Material zu handeln.

Zum anderen sehe ich vor allem in kleinen Gemeinden mit altersgemischten Klassen immense Möglichkeiten. Das Klassenzimmer könnte in eine gestaltete Umgebung verwandelt werden, so dass die Schüler selbstständig die Materialien ausprobieren können. Jüngere Schüler können von älteren lernen, die das Material bereits kennen und durch das Zeigen nochmals einen Vertiefungsprozess durchlaufen. Dies bedingt eine hohe Rücksichtsnahme und Eigenverantwortung der Schüler, welche auch schrittweise erlernt werden sollen.

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