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Spielen heisst Leben!

Autor: Christian Linde, Romanshorn, Familienvater einer 8-jährigen Tochter

 

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt – Friedrich Schiller –

Woran erinnerst Du Dich am liebsten, wenn Du an Deine Kindheit zurück denkst? Ich erinnere mich mit Dankbarkeit und Freude an die unbeschwerten und phantasievollen Spiele meiner Kindheit: das Draussen der Neubausiedlung, in der ich aufgewachsen bin, war unser „Abenteuerspielplatz“. Bei Wind und Wetter waren wir da unterwegs, Räuber und Gendarm, Verstecken und unzähliges mehr, bis zum Einbruch der Dunkelheit spielen, spielen und spielen. Wir durften einfach unseren Impulsen folgen und im Augenblick leben. Heute, als „vernünftiger“ Erwachsener und als „moderner“ Mann, der verschiedene Rollen gleichzeitig zu erfüllen hat, spiele ich nur noch selten. Das ist echt schade! Zum Glück, wie ich persönlich jedenfalls finde, tauchen aktuell Gerald Hüther, André Stern und immer mehr Menschen auf, welche die Wertigkeit des Spiels erkannt haben und uns dessen Bedeutung und wertvolle Lerneffekte aufzeigen.

Ich ertappe mich selbst dabei, meistens im „Funktionier-Modus“ zu sein und dabei allzu oft auch das Lachen und die Lebensfreude zu vergessen.

„Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben“ oder „ Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ – kennst Du, lieber Leser, auch diese Glaubenssätze? Oder noch andere?

Wahrscheinlich können wir die Reihe beliebig fortsetzen. Aber ich habe doch immer die Wahl, ob ich spiele, oder kämpfe. Na klar, ich muss oder darf meine täglichen Gipfeli verdienen, „unser täglich Brot gib uns heute“ kostet meine wertvolle Zeit, Schaffenskraft und Energie. Bezeichnenderweise wird der Ausdruck „Chrampfer“ als Auszeichnung verstanden. Wenn „neudeutsch“ die Rede von „work-life-balance“ ist, kann ich das so deuten, dass Arbeit gar nicht „Leben“ heisst. Das empfinde ich schon als sehr bedenklich.

Das Spielerische, Sinnbild für fühlen, spüren, lernen, sich freuen, frei und leicht zu sein, kommt in der Arbeitswelt offenbar kaum vor. Und wie sieht es in der „Freizeit“ aus? Wenn ich ehrlich bin, „konsumiere“ ich in meiner freien Zeit die Fussball- oder was auch immer- Spiele, die modernen Gladiatorenspiele, aus der sicheren Distanz des Flachbildschirms oder daddle an immer schnelleren, lauteren und effektreicheren elektronischen Spielen. Dabei vergeht natürlich die Zeit, nur erholt oder wieder frisch fühle ich mich nicht, vielmehr von meiner Energie her im wahrsten Sinne des Wortes „zerstreut“. Durch den passiven Konsum fühle ich mich abgestumpft und betäubt. Ich spüre eine gewisse Leere.

Ich bin aber keineswegs nur Konsum-Opfer, sondern beraube mich dadurch ja freiwillig meiner Kraftquelle und Lebensfreude. In meinem tiefsten Inneren weiss ich, dass diese Lebens- und Spielfreude etwas ist, das sich vervielfacht, wenn ich sie teile. Hier durfte und darf ich sehr viel von meiner lieben Tochter lernen. Wenn ich ihren spontanen Einladungen zum Spielen folge, eröffnen sich uns augenblicklich im wahrsten Sinne des Wortes Freiräume. Wir haben daher dem „freien Spielen“ wieder einen festen Platz in der Familien-Agenda eingeräumt. Wir geniessen diesen Raum sehr, es ist immer eine erholsame Auszeit vom Alltag und unsere „Energie- Aufladestation“. Es dauert zwar schon eine gewisse Zeit, bis ich den Modus des „vernünftigen“ Erwachsenen, dem im Laufe der Jahre die Spontanität, Kreativität und pure Freude abtrainiert worden ist, verlassen kann.

Aber erst einmal angekommen im „Hier und jetzt“ der kreativen Rollenspiele, als Räuber oder Gendarm, als Prinz oder Drachen wie in unbeschwerten Kindertagen und immer neuer Ideen, treten Lebensfreude und die Leichtigkeit an die Stelle von Angst, Ärger und Alltagssorgen. Meine Tochter beeindruckt und fasziniert mich immer wieder aufs Neue, wie hingebungsvoll, präsent und wach sie beim Spielen ist. Sie verblüfft immer wieder mit neuen Impulsen und Spielideen. Dann folge ich ihr wie automatisch in den „flow“ und das „Hier und Jetzt“ des Spiels. Dabei tauche ich in mein Meer der Emotionen ein, ich vergesse augenblicklich alles andere um mich herum, entspanne und lockere mich buchstäblich, körperlich wie mental. In diesen Momenten bin ich wieder eins mit dem unbeschwerten Jungen aus Kindertagen, hüpfe, juble, tanze, lache und vergesse Zeit und Raum. War es früher die Dämmerung, die uns Kinder daran erinnerte, zum Abendessen nach Hause zu gehen, so ist es heute das Geräusch des Weckers, der uns aus dem freien Spielen wieder in die getaktete Realität zurückholt. Jedes Mal aber mit einem Lächeln im Gesicht und einer gut erholten Seele.

Wenn meine Lieben und ich dann frei nach Friedrich Schiller „ganz Mensch“ sein dürfen, bin ich dafür sehr dankbar und kann das freie Spielen aus ganzem Herzen empfehlen!

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